Über den Sinn einer Amateurlaufbahn

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Von Peter Angerer

Es stimmt mich schon sehr nachdenklich, wenn ich beobachten muss, dass Anfänger im MMA Sport sich immer mehr ein Vorbild an den „Stars“ der hiesigen Szene nehmen und unverhohlen auf das Verhalten von Kämpfern in der UFC schielen und dieses immer öfter nachahmen. Der Einlauf von John „Bones“ Jones, das katzenartige und geschmeidige Bewegen in der Hocke vor dem Kampf von Connor McGreogor oder das Trashtalken von Ronda „Rowdy“ Rousey…. Wer sich wie ein UFC Fighter benimmt und diesen nachahmt, wird sicherlich genauso erfolgreich sein, wie er? Ganz abgesehen von den vielen „Trainingsverletzungen“, welche kurzfristig Kämpfe verhindern und zum Alptraum der deutschen MMA Promoter avancieren. Und immer erstaunlicher ist die große Anzahl der „MMA Profis“, die nicht einen einzigen Amateurkampf bestritten haben. Hauptsache die Facebook Fanpage und das Twitter Account mit dem Namenszusatz „MMA“ wird gepflegt und gehegt.

Das ist ein Phänomen, welches man nicht nur, aber eben sehr verstärkt und immer präsenter, in Deutschland verfolgen kann. Den Sportlern an sich möchte ich da gar keinen allzu großen Vorwurf machen. Die bekommen es ja so tagtäglich vorgelebt und in den Medien präsentiert. Aber dass da die Trainer und Betreuer nicht gegensteuern, verstehe ich ehrlich gesagt nicht.

Nehmen wir mal an, der Kampfsportbegeisterte XY möchte Boxer werden. Er geht also in eine Boxschule oder einen Verein, meldet sich an und geht dort ins Training. Was würde wohl passieren, wenn XY gegenüber seinen Trainern den Wunsch äußert, in ein paar Monaten einen Profikampf zu absolvieren? Ohne überhaupt einen einzigen Amateurkampf bestritten zu haben, geschweige denn, jahrelanges hartes Training absolviert zu haben, um wirklich die Grundlagen des Sports in all seiner Bandbreite verinnerlicht zu haben… In jedem Boxverein, den ich kenne, würde man so jemandem mit Unverständnis begegnen und ihn dazu bewegen, erst einmal etliche Amateurkämpfe zu absolvieren.

Warum ist es beim MMA in Deutschland etwas komplett anderes? Ist unser Sport nicht noch viel komplexer und anspruchsvoller, als z.B. das Boxen oder Ringen? Kann man MMA einfach in ein paar Monaten „lernen“? Warum seine Zeit mit Amateurkämpfen verschwenden, wenn doch der Vertrag in der UFC das große Ziel ist?

Die Antwort ist ganz einfach! Über die Amateurkämpfe lernen die Sportler sich selbst, ihre Grenzen und die Arbeit, die hinter dem Erreichen von Zielen steckt, ganz klar kennen. Hier muss man pünktlich und im Gewicht sein, sich jeder Herausforderung stellen und dann das eigene Schaffen und die gebrachte Leistung selbstkritisch reflektieren, um sich weiter zu entwickeln. Da helfen einem die „Likes“ und „Follower“ auf Facebook und Twitter nicht weiter. Das ist die ungeschönte Realität. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre. Da muss man Einsatz zeigen, sich selbst motivieren können, sich vom Trainer und den Betreuern leiten lassen.

Ich erinnere mich noch an meine allerersten Wettkämpfe als 14jähriger im Taekwondo. Da hat einen der Trainer nach langem Training für einen Wettkampf angemeldet und man wusste nicht, was da auf einen zukommt. Machen die Gegner schon viel länger diesen Sport, sind sie wettkampferfahrener, höher graduiert und vielleicht sogar schon auf vielen Wettkämpfen erfolgreich gewesen? Diese Antwort hat man am Kampftag bekommen und man musste sich diesen Herausforderungen stellen. An diesen Herausforderungen ist man gewachsen. Egal, ob man gewonnen oder verloren hat. Da ging es um’s „Weitermachen“ nach dem Kampf und um die Entwicklung bis zum nächsten Kampf. Judokas, Boxer und Ringer verstehen, von was ich hier spreche. Und nur über die Jahre hinweg kann man dann mit so einer Entwicklung an einen Punkt kommen, an welchem man sich dann einen echten professionellen Kampf zutrauen kann.

Wenn ich sehe, dass Sportler, welche im Amateur Shooto zumeist verloren haben, aber bei Profi Events auf der Fightcard stehen, dann frage ich mich schon, wo das hinführen soll. Schon bei den Amateuren geht es immer mehr um die „positive Bilanz“, als um das „Lernen“ und „sich entwickeln“.

Tut Euch und Eurer „Karriere“ bitte einen großen Gefallen! Sucht die Herausforderungen! Stellt Euch starken Gegnern bei gut organisierten Wettkämpfen! Reflektiert Eure Siege UND Niederlagen und wachst daran! Dann, und nur dann, werdet Ihr zu dem Kämpfer, der Ihr sein wollt, ohne nur davon zu träumen und andere zu imitieren. Und noch ein Wort an die Trainer, Betreuer und Manager: behaltet das Wohl und die sportliche Entwicklung Eurer Athelten im Auge! Sicherlich „schmeckt“ eine Niederlage nicht gut, aber meist bringen einen die Niederlagen weiter, als die Siege. Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit und harte Arbeit über Jahre hinweg macht sich immer bezahlt!