Peter Angerer im Interview

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Die Medien bezeichnen ihn als „Godfather of german MMA“, „Vater des MMA in Deutschland“ und „lebende Legende“: Peter „Yamatodamashii“ Angerer bestritt am 11. Oktober bei SHOOTO KINGS II seinen letzten Profikampf im Shooto. Wirklich? Nach so einem Sieg abtreten? Der deutsche Veteran schlug den japanischen Profi Shooter Koji Takeuchi in einem spannungsgeladenen Kampf mit einem Leglock (Markenzeichen) in Runde 3. Till Scheel hat sich nun – etwas mehr als eine Woche nach dem Eintritt in den „Ruhestand“ – mit dem umtriebigen „Rentner“ vom German Top Team auf ein kurzes Interview getroffen. Was uns der Fighter zu sagen hat, lest Ihr hier:

Kakutogi: Hi Peter!Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu deiner beeindruckenden Leistung und zum Sieg über Koji Takeuchi. Du hattest im Vorfeld ja bereits angekündigt, dass du dich so intensiv wie noch nie auf diesen Kampf vorbereitet hast. Was genau hat dich dazu motiviert, dich in der Vorbereitung noch einmal so zu quälen?

kickPeter Angerer: Hallo Till. Wir reden hier von einem Kampf gegen einen erfolgreichen japanischen Profi Shooter. Bei meinem eigenen Event. Vor all meinen Freunden und meiner Familie. Das Main Event. Ein weltweiter Livestream. Mein Idol Enson Inoue sitzt am Ring, um diesen Fight zu sehen. Es gibt wirklich einige sehr gute Gründe, warum ich mir über vier Monate den Allerwertesten so aufgerissen habe. Das war manchmal kein Training mehr, sondern pure Quälerei. An dieser Stelle geht mein spezieller Dank an Frank Stäblein, der hier den Takt und die Schlagzahl für diese Schinderei vorgegeben hat. Er ist definitiv der fitteste Mensch, den ich kenne. Und dazu noch ein echter Freund. Dem verzeiht man dann schon, was er einem im Training antut… Ich wollte einfach bei meinem letzten Fight einen Abschluss finden, der auch für mich persönlich in Ordnung geht. Da habe ich dann schon den Anspruch an mich selbst, das absolut Beste heraus zu holen und alles dafür zu tun, in Topform im Ring zu stehen. Alles andere wäre für mich persönlich einfach nur beschämend gewesen und hätte mir auch keinen Spaß gemacht. Natürlich bin ich mit dem Ausgang des Kampfes sehr zufrieden und bin froh, dass ich diese Performance abrufen konnte. Der Dank hierfür gilt meiner Ecke Stefan Hoss, Frank Stäblein und Matthias Werner und natürlich allen, die mir in der Vorbereitung mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind.

Kakutogi: Die Stimmung in der Metzinger Öschhalle war ja wieder einmal bombastisch. Insbesondere bei den Kämpfen der Lokalmatadoren wurde es richtig laut. Trotzdem hatte man das Gefühl, dass das Publikum für dich noch eine Schippe draufgelegt hat. War das etwas, das du selbst auch bewußt wahrgenommen hast?

Peter Angerer: Überhaupt gar nicht! Ich habe von dem Event eigentlich überhaupt nichts mitbekommen, geschweige denn, etwas von der Stimmung wahrgenommen. Mein ganzer Fokus lag nur bei Koji Takekuchi und dem Kampf gegen ihn. Ich konnte mich nach dem Kampf an eigentlich gar nichts mehr erinnern. Das war alles wie weg! Nur anhand von einigen Gesprächen, Bildern und letztendlich den Aufzeichnungen vom Livestream habe ich nach und nach ein paar Bruchstücke zurück bekommen. So richtig erinnern kann ich mich nur daran, wie ich mich am Anfang des Kampfes gefühlt habe und wie sich dieses Gefühl im Laufe des Kampfes dann immer mehr verstärkt und ausgeprägt hat. Takeuchi hätte mich töten müssen, um zu gewinnen! Am Anfang des Kampfes fühlte ich mich total entspannt und leer. Mit jeder Bewegung und Aktion habe ich mich dann mit Energie aufgeladen und Spaß dabei empfunden. Das Ende war wie ein Höhepunkt und ich war total benommen von den ganzen Emotionen. Wohl neben den Geburten meiner beiden Töchter Maria und Johanna der emotionalste und bewegendste Tag in meinem Leben. Ich bin rundum glücklich!

Kakutogi: Du hast den Kampf ja zunächst gut im Stand dominiert, bis du dir dann am Boden die Submission geholt hast. War das für dich eine besondere Genugtuung, einen so gefährlichen Bodenkämpfer ausgerechnet mit einem Beinhebel zu besiegen? Auch mit Blick auf den ganzen Trashtalk, den dein Gegner vor dem Kampf noch betrieben hat.

takeuchidownPeter Angerer: Takeuchi hat mich im Stand enorm überrascht. Seine Tritte waren übelst hart! Und auch die Spinning Backfist in der zweiten Runde hat mir kurzzeitig das Licht ausgemacht. Ich bin da eigentlich erst wieder im Clinch zu mir gekommen und hab mich gewundert, wer da blutet. Bis mir kam, dass das ich sein musste… Doch es war von vorneherein klar, dass Takeuchi eine harte Nuss wird und ich zu jeder Sekunde vorsichtig sein muss. So gesehen lief eigentlich alles nach Plan. In der dritten Runde hatte ich ihn dann soweit, dass mein Ground and Pound sehr deutliche Spuren und klare Wirkung bei ihm hinterlies. Kurz vor Ende hatte er sich ja unter die Ringseile gezogen, damit er dem Ground and Pound von mir entkommen kann. Da habe ich dann wirklich Blut geleckt und gesehen, dass ich ihn vielleicht auch vorzeitig schlagen kann. Nur ein paar Sekunden später hat er mir dann die Kreuzbänder im Knie mit dem Heelhook abgerissen. Zunächst schießt Dir da in den Kopf „Fuck! Nicht so und nicht jetzt!“. Der Schmerz, der Schreck… Und dann sah ich sein Bein. Hätte er nicht geklopft, hätte ich ihn wohl wirklich übel verletzt…

Das hat aber nichts mit Antipathie oder seinem „Trashtalk“ vor dem Kampf zu tun. Das war und ist mir egal. Deswegen kann er ja nicht mehr oder weniger. Er zeigte damit nur, dass er unsicher ist und Angst hat. Das hat mich dann wieder aufgebaut und mir gezeigt, dass die Japaner wohl auch uns Deutsche als Gegner sehr sehr Ernst nehmen. Dass es ein Beinhebel war, war nicht geplant, sondern ist einfach nur so passiert. Eine besondere Genugtuung habe ich zu keinem Zeitpunkt verspürt, sondern nur Freude darüber, dass sich die ganze Plagerei gelohnt hat.

Kakutogi: Der Stargast des Abends war MMA-Legende Enson Inoue. War es für dich eine zusätzliche Motivation, vor den Augen einer so bedeutenden Persönlichkeit des Sports in den Ring zu steigen?

Peter Angerer: Natürlich war die Anwesenheit von Enson Inoue ein riesiger Schub an Motivation für mich! Als ich Enson das erste Mal in Japan getroffen habe, habe ich ihm gesagt, dass sich das für mich gerade so anfühlt, als wäre ich ein 10jähriger Junge, der immer Superman Comics liest und plötzlich steht Superman persönlich und leibhaftig vor ihm. Wir haben uns sofort gut verstanden und er ist wirklich einer der nettesten und coolsten Typen, die ich je kennengelernt habe. Seine Sicht der Dinge passt für mich einfach wie die Faust auf’s Auge. Dass er zugesagt hat, zu meinem Fight zu kommen hat für mich einen Lebenstraum erfüllt, den ich nie wagte, zu träumen. Alles war perfekt an diesem Abend. Für mich war es eine riesengroße Abschiedsparty mit vielen Freunden, meiner Familie, Bekannten, Schülern, guter Stimmung, weltweiter Liveübertragung und halt Enson dabei. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich das alles erleben durfte.

Kakutogi: Normalerweise sieht man dich ja fast jedes Wochenende entweder als Ringrichter im Ring, oder bei der Betreuung deiner Kämpfer in der Ringecke. Auch bei Shooto Kings II sind wieder eine ganze Reihe von Kämpfern aus dem German Top Team angetreten. War es für dich schwierig, die Kämpfer diesmal nicht persönlich betreuen zu können?

Peter Angerer: Das war bei der ganzen Sache das Allerschwerste für mich persönlich. Wenn meine Mädels und Jungs kämpfen ist das schlimmer, als wenn ich selbst im Ring oder Käfig stehe. Meine Schüler sind für mich ein Teil meiner Familie. Da bin ich zu 100% dabei, mit Leib und Seele. Dass das dieses Mal nicht so gehen würde, war mir aber von Anfang an klar. Ich durfte meine ganze Vorbereitung nicht dadurch gefährden, dass ich emotional oder in Gedanken abgelenkt und nicht bei der Sache bin. Das haben aber auch die Jungs gewusst. Es fiel mir schon schwer da wirklich nicht dabei zu sein, aber ich habe mir die ganze Zeit gedacht, dass es das Wert ist. Und das war es ja auch. Ich war mental zu 100% auf Takeuchi vorbereitet und auf ihn fokusiert. Nichts hat mich abgelenkt oder meine Konzentration gestört. Meine Betreuer haben sich hervorragend um mich gekümmert und das Ergebnis spricht für sich. Immerhin war es das erste Mal überhaupt, dass Takeuchi vorzeitig geschlagen wurde! Wir haben also alles richtig gemacht und in Zukunft werde ich mich noch intensiver um meine Kämpfer kümmern können.

Kakutogi: Zum Abschluss können wir uns eine Frage natürlich nicht verkneifen: War das wirklich dein letzter Kampf im Ring? Oder hat dir das alles wieder Lust auf mehr gemacht?

Peter Angerer: Ich höre erst mit meinem Tod mit dem Kämpfen auf. Das ist eines, das ganz sicher ist! Allerdings habe ich für mich entschieden, dass es an der Zeit ist, dem professionellen MMA und Shooto als aktiver Kämpfer Lebewohl zu sagen. Die Regeneration, die Reflexe… Alles ist einfach nicht so, wie es mit 25 ist. Es wird immer schwerer, sich angemessen vorzubereiten und der Aufwand an Zeit wird immer größer und schwerer. An irgendeinem Punkt macht es einfach keinen Sinn mehr. Natürlich hat es mir riesig Spaß gemacht, selbstverständlich ist ein Sieg immer so der Köder im Kopf, der einen weitermachen lassen will. Aber ich bin durch! Ich will einfach mehr Zeit für ein Leben mit meinen Kindern! Ich möchte ein Leben führen und nicht nur rund um die Uhr für den Sport leben. Ich brauche ein bisschen mehr Zeit für mich. Natürlich werde ich im BJJ und Grappling weiter kämpfen. Ich bin Braungurt im Jiu-Jitsu und im Luta Livre und meine Reise ist noch lange nicht zu Ende. Ich will weiterhin besser werden, dazu lernen und kämpfen. Ich möchte mein Wissen und meine Erfahrungen weitergeben und vermitteln. Ich habe endlich Zeit, mein Buch fertig zu schreiben, mich um den Umzug in eine neue und größere Akademie zu kümmern und und und… Ich bin ein glücklicher Mensch mit einem erfüllten Leben. Vielen Dank an alle, die mich auf diesem Weg bisher begleitet haben!

Bilder: RTSports und Gorilla Photo

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