"Lerne zu kämpfen!"

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von Peter Angerer

Was wäre das für ein Jahresabschluss, wenn ich nicht auch noch meinen Senf dazu geben würde? Ohne, dass ich meine meist unpopuläre Meinung zum Besten gebe? Richtig! Und wie die meisten von Euch nutze ich das Jahresende, um ein Resümee zu ziehen. Was passiert denn gerade in MMA-Deutschland? Kein Event in Sicht, das nicht mindestens zwei oder drei Titelkämpfe im Programm hat…. Ich glaube angefangen hat alles mit einem meiner Meinung nach sehr guten Artikel auf Käfiggeflüster mit dem Titel „Die Titelflut im deutschen MMA„. Kritisch und objektiv wird auf eine immer mehr auftretende Problematik in unserem Sport eingegangen und ich kann dem Autor nur zu diesem Artikel gratulieren. Doch was passierte in den kommenden Wochen? Genau! Ein Titelkampf nach dem anderen wurde auf den diversen News-Seiten veröffentlicht. Das ist keine Titelflut mehr, sondern eine Titel-Sintflut! Wie zum Beispiel Sportler in ihrem Profidebüt bereits um einen Titel kämpfen können verschliesst sich meiner Logik, aber anscheinend ist das für jeden in Ordnung. Natürlich will jeder klappern, das gehört schließlich zum Handwerk. Und jeder Promoter möchte seine Halle vollhaben. Nur zu verständlich. Aber das Konzept „Titelkampf um jeden Preis – scharfe Miezen am und im Ring – Partystimmung ohne sportlichen Hintergrund“ ist meiner Meinung nach falsch. Nicht für den Veranstalter, nicht für die Zuschauer und nicht für die Fans, die „ihren Helden“ im Ring oder Käfig sehen. Einfach nur für den Sport! Fakt ist nämlich, dass ein Titel inflationär an Wert verliert – sofern er denn schon einen besessen hat – wenn eine derartige Titelflut Deutschland unter sich begräbt.

Natürlich gibt es auch Titel, die wirklich einen Wert haben. „Respect FC“ und „Superior FC“ sind hier sehr gute Beispiele. Beide Promotions haben sich in den vergangenen Jahren über zahlreiche Events hinweg Mühe gegeben, den sportlichen Wert eines Titels in ihrer Promotion nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sogar zu steigern. Diese Titel nimmt man Ernst! Das sind Titel, mit denen ein Sportler gerne seine Karriere krönt.

Grundlegend stellt sich die Frage, was denn so schlimm daran ist, dass jeder seine eigenen Titel auskämpft? Naja, warum soll nicht jeder Champion hier und da sein? Jeder sollte doch das Recht haben, sich mit einem schönen Gürtel zu schmücken und feiern zu lassen. In der Regel ja, wenn denn auch die sportliche Leistung des Kämpfers stimmt. „Shooto“ bedeutet aus dem japanischen übersetzt „Lerne zu kämpfen“. Und genau das rückt immer mehr in den Hintergrund. Viel wichtiger ist hier, schnell als Profi kämpfen und noch schneller um einen Titel, wenn es geht. Irgendwo findet man schon einen Veranstalter, der einen für einen Titelkampf auf die Fightcard setzt. Und dann ist der Anruf von Joe Silva (Matchmaker der UFC) ja nur noch Formsache… So zumindest der Plan.

Das Shooto hat sich in den vergangenen Jahren zu 90% um seine Aufbauarbeit bei den Amateuren gekümmert. Warum? Na, weil ohne eine starke Amateurbasis keine echten Profis aufgebaut werden! Nur wer sein Handwerk von der Pike auf lernt und wertvolle Erfahrung sammelt, kann sich als Profi auch behaupten. Shooto Propaganda? Nein, eher nicht, wenn man sich die Erfolge der aus dem Shooto Amateurlager gewachsenen Profikämpfer, wie z.B. Martin Buschkamp, Tomislav Iverac, Azdren Taqi und vielen mehr anschaut. Diese Kämpfer haben das Kämpfen gelernt und ernten jetzt die Früchte ihrer harten Arbeit. Davor kann man nur den Hut ziehen und ich freue mich für jeden dieser Kämpfer, der seine Träume verwirklicht. Diese Sportler haben nichts geschenkt bekommen oder sich in Titelkämpfe hineingeredet. Diese Männer haben hart dafür gearbeitet, Erfahrungen gesammelt und dann den erfolgreichen Sprung ins Profilager gewagt.

Ich würde mir für das Neue Jahr 2013 wünschen, dass die Kämpfer sich wieder dessen besinnen, um was es wirklich geht: nämlich das Kämpfen lernen. Ohne Abkürzungen, billiges Konfetti und Selbstdarstellung im überzogenen Maße. Ohne wertlose Titel, die einem internationalen Leistungsvergleich niemals standhalten würden. Ohne immer nur von einem UFC Vertrag zu träumen. Einfach nur, weil sie lieben, was sie jeden Tag machen und an den echten Herausforderungen wachsen werden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Kämpfern, Offiziellen, Promotern und Supportern einen guten Rutsch in ein glückliches und erfolgreiches Neues Jahr 2013 und hoffe, dass sich der Eine oder Andere in einer ruhigen Minute mal die Zeit nimmt, über die Aussage dieses Artikels nachzudenken.