"Kein Gürtel im BJJ ist wichtig!"

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Live Jiu-JitsuIn den letzten Monaten habe ich mir immer öfters Gedanken über die Gürtel im BJJ gemacht. Nicht nur über meinen, sondern auch über die, die mir in Deutschland so über den Weg laufen oder welche unsere „Community“ hier ausmachen. Und wen man so alles in welchen Leistungsklassen auf Turnieren kämpfen sieht. Angeregt durch eine meiner Meinung nach unschöne Diskussion im Kampfkunstboard setzte ich mich die letzten Tage ausführlicher mit dem Thema auseinander und komme einfach zu dem Schluss, dass ich gar keinen Gürtel mehr im BJJ haben will…

Bevor ich auf meine Gründe eingehen will und meinen Schritt zumindest vor mir rechtfertige, möchte ich meinem Lehrer Peter Schira für alles danken, was er mir bisher beigebracht und gelernt hat und ich hoffe, dass ich noch viel in dieser Richtung mit ihm zusammen erfahren darf. Mein Entschluss, alle meine Gürtel „weg zu werfen“ hat nichts mit Peter Schira als Person oder seiner Eigenschaft als mein Lehrer zu tun. Ich halte ihn für einen der kompetentesten BJJ Lehrer in Deutschland mit einem enormen Wissen, das er immer gerne teilt und weiter vermittelt.

Aber die ach so tolle BJJ Familie in Deutschland widert mich langsam einfach immer mehr an. Es geht mir nicht um die Kunst des BJJ, sondern um das, was derzeit daraus vielerorts in Deutschland gemacht und wie es in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Es geht nur noch um Gürtelfarben, tolle Patches auf dem Kimono, den Namen der Equipe, die man repräsentiert und die ja so viel toller und besser ist als alle anderen. Und nicht zu vergessen die Leute, die seit zig Jahren kämpfen und dann mit stolzgeschwellter Brust auf dem Treppchen stehen, wenn sie in der Beginner Klasse echten Anfängern einfach mal den Allerwertesten aufgerissen haben. Entschuldigt bitte meine Ausdrucksweise, aber manchmal kann ich gar nicht so hoch hüpfen, wie ich kotzen könnte, wenn ich so was sehe.

Immer wieder erinnere ich mich gerne an die Zeit von vor fünf bis zehn Jahren zurück, als „unsere“ Community noch aus einem kleinen und überschaubaren Haufen von Idealisten bestand, die für jeden der seltenen Wettkämpfe hunderte von Kilometern gefahren sind und einfach gekämpft haben, damit man weiter lernen kann. Erfahrung sammeln, Freundschaften schließen, sich austauschen… das war früher wichtiger, als das heutige Patches- und Gürtelsammeln.

Zweifelsohne gibt es viele Sportler in Deutschland, die ihre Graduierung mit viel Blut und Schweiß auf der Matte „bezahlt“ haben. Die ins Ausland gefahren oder geflogen sind, um zu lernen und zu kämpfen. Die sich alles, was sie heute sind, hart und unerbittlich erarbeitet haben und dabei viele andere (auch wichtige) Dinge hinten angestellt haben. Und diese Leute stehen heute auf der gleichen Stufe, wie eben manch andere, bei denen es eben überhaupt nicht so lief. Wo man halt ein paar Seminare besucht, mal bei diesem und dann bei jenem schön Wetter macht, Ausreden für alles mögliche findet und eigentlich nur geil auf den nächsten Streifen oder Gürtel ist. Und da das BJJ immer populärer wird in der Bundesrepublik und jeder das große Geschäft wittert, finden sich eben auch genügend Leute, die so ein Spielchen gerne mitmachen.

Alleine, als ich auf der letzten Submissao gesehen habe, wer da alles in der Beginner Kategorie gestartet ist…. Leute, die bereits vor Jahren auf Europameisterschaften am Start waren stehen auf einmal bei den Anfängern auf der Matte. Trainer aus Schulen, die sich sonst so für ihre enormen Fähigkeiten rühmen, kämpfen auf einmal bei den Anfängern und gehen dann auch noch sang- und klanglos unter. Und auf der anderen Seite hört man immer wieder die gr0ßen Töne von Braun- oder Schwarzgurten, die man aber komischerweise selten auf einem Turnier und noch viel seltener aktiv auf der Matte sieht. Und wenn dann bei kleinen Turnieren, wo die Gürtelklassen ab Blau sowieso zusammengeworfen werden und man gegen viel unerfahrenere Leute einen tollen Auftritt hinlegen kann. Da wird sich nach dem Sieg die Jacke aufgerissen, die Heldenbrust gezeigt und Jesus gedankt. Meine Herren, geht mir so was auf den….

Und irgendwie wird es immer schlimmer, anstatt besser. Von wegen, so was bereinigt sich selber recht schnell auf Wettkämpfen. Da wird schnell beim nächsten Seminar ein Schnappschuss mit dem Blackbelt gemacht und schon hat man die Legitimation für seine Graduierung. Ganz ohne kämpfen, ganz ohne Stress. Einfach nur in die Kamera lächeln und fertig.

Ich glaube, ich werde in meinem Alter langsam echt komisch und sehne mich einfach zu sehr nach den „alten Zeiten“, als man echt gekämpft hat. Egal gegen wen, egal nach welchen Regeln, egal wie lange… Man hat einfach gekämpft und danach gewusst, was man falsch macht und was richtig ist. Und so hat man sich weiterentwickelt. NUR so, konnte man sehen, ob das, was man trainiert, auch einen Sinn macht und einen Härtetest bestehen kann. Und egal, ob es gut oder schlecht ausging, hinterher war man wieder ein kleines Stückchen schlauer und weiter. Vor zehn Jahren gab es noch keine Beginner Turniere. Da gab es eigentlich noch fast gar keine Turniere. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam. Ich wünsche mir für das BJJ diese Zeiten zurück. Als das Kämpfen noch wichtiger als das Gruppenbild nach dem Seminar war. Als es eigentlich total egal war, welchen Gürtel man hatte, denn man kämpfte sowieso nur in einer Klasse. Da konnte man dann schon mal in einem seiner ersten Kämpfe an einen Weltmeister aus Rio geraten und böse verpackt werden. Aber auch daraus habe ich gelernt. Und das war mir persönlich viel mehr Wert, als irgendein Gürtel.

Ich protestiere gegen diese Zustände im BJJ in Deutschland. Wahrscheinlich interessiert das sowieso keinen, aber ich kann nicht in den Spiegel schauen, wenn ich meinen Mund halte und diese Entwicklung hinnehme. Ich möchte auch gar nicht, dass irgendjemand seine Meinung zu diesem Protest äußert, denn den Entschluss hierzu habe ich für mich gefasst ohne vorher die Meinung von anderen einzuholen. Ich protestiere und weigere mich, in Zukunft irgendeine Gürtelfarbe im BJJ zu repräsentieren oder zu vertreten. Um meinen Kimono zu zu halten, werde ich hierfür wahrscheinlich einen weißen Gürtel nehmen, ohne jedoch die Farbe Weiß als meinen Grad anzuerkennen. Denn ich möchte einfach gar keine Graduierung mehr innehaben. Ich möchte einfach nur Jiu-Jitsu trainieren, lernen und kämpfen. Und wenn schon kämpfen, dann gegen die Besten, damit mir immer bewusst bleibt, wie viel ich noch zu lernen habe. Ich glaube, das ist die Kernaussage hinter dem Motto „Live Jiu-Jitsu“.

Mit sportlichen Grüßen

Peter Angerer