Erfahrungsbericht von Tanja Angerer

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In der vergangenen Woche war eine der besten MMA Kämpferinnen Deutschlands bei uns zu Gast im German Top Team HQ in Reutlingen, um sich auf ihren bevorstehenden Kampf in Japan vorzubereiten: Tanja Angerer. Die Vilshoferin absolvierte ein einwöchiges Camp bei uns im regulären Trainingsbetrieb und lässt die interessierten Leser an ihren gemachten Erfahrungen im GTT teilhaben:

Text von Tanja Angerer

„Es stand schon eine Weile im Raum, dass ich noch einmal in Japan bei Jewels kämpfen dürfte. Bei seinem letzten Aufenthalt in Japan machte Peter dann das Ganze klar. Die Gegnerin ist Mika Nagano, eine erfahrene Kämpferin, die schon weitaus mehr Kämpfe hat als ich. Also genau das, was ich wollte. Ich brauche also eine gute Vorbereitung und nahm mir deswegen Urlaub, um eine Woche lang von Montag bis Freitag im German Top Team trainieren zu können und um einen Teil meiner Vorbereitung dort zu  machen.

Montag Mittag kam ich an und am Abend ging es gleich zum Training. Sven Fortenbacher leitete die Einheiten am Montag. Zuerst war eine Stunde Luta Livre Sparring angesagt – natürlich mit MMA Handschuhen. Da wurde ich dann erstmal gut verpackt und danach wünschte mir Sven dann grinsend schon viel Spass bei der nächsten Einheit. Zu Beginn lockeres Aufwärmen und dann folgte ein WOD. 3 Übungen, je 10 Wiederholungen, die man möglichst unter einer Minute schaffen sollte und das 10 Minuten lang. 10 Shoots, 10 Kniebeugen und 10 Burpees. Nachdem das bzw. ich geschafft war, gab es für den Rest der Stunde Schlagkombinationen mit Partner und als letzte Einheit noch eine Stunde Shooto Sparring, in dem es um Takedowns und Takedown Verteidigung ging. Ich kassierte einen Takedown nach dem anderen, während ich fast keine Takedowns durchbrachte, weil ich es nicht in meine Wurfdistanz hineinschaffte. Das ging also schon gut los und ich dachte mir, dass die Woche ja noch lustig werden könnte. Alles in allem auf jeden Fall ein toller und anstrengender erster Trainingstag.

Am nächsten Morgen merkte ich das Training vom Tag davor und machte mich dann auf zum morgendlichen Luta Livre Training. Peter war schon da und fragte mich vor der Stunde, was ich gerne machen möchte und da das mit der Takedownverteidigung davor so gar nicht geklappt hatte, war mein Wunsch also Takedownverteidigung. Da kam dann der ein oder andere Aha Moment, wie eigentlich jedes Mal, wenn ich nach Reutlingen zum GTT fahre.

Am Abend stand mir dann zuerst einmal eine Überraschung bevor. Die erste Stunde war BJJ mit Blackbelt Diego  Figueiredo und ich hatte meinen BJJ Gürtel vergessen. Ich fragte Peter ob er mir einen leihen könnte und er verschwand kurz, um dann mit einem braunen Gürtel wiederzukommen, um mir diesen umzubinden und mir zu gratulieren. Ich war ziemlich perplex, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Ich freue mich immer, wenn jemand anderes graduiert wird, aber bei mir selber habe ich immer die Zweifel. Nach diesem Tag waren dann die Zweifel sehr gross. Die BJJ Stunde hat viel Spass gemacht und wir haben an Butterfly Sweeps gearbeitet und hinterher noch gerollt. Danach ging es dann mit Luta Livre Sparring weiter. Zusammen mit Stefan Hoss, Daniel Tempera und Markus Held wurde ich in den Cage gesteckt und dann hiess es Sparring mit Fokus auf die Takedownverteidigung und von oben kämpfen. Es funktionierte einfach mal gar nichts. Es ist schon frustrierend, wenn man ein Ziel hat und einfach nicht dahin kommt, wo man hin will und jeder mit einem die Matte wischt. Es gab eine Stunde lang permanent nur „Druck, Druck, Druck“, ich wurde in die Cagewall gedrückt, dass ich gemeint hab, ich werd jetzt wie durch ein Sieb auf die andere Seite gedrückt und am Boden einfach eingestampft. Nachdem ich also in der Einheit geplättet wurde ging es mit Boxsparring mit Stefan Hoss weiter. Die nächste Lehrstunde, nach der ich das Gefühl hatte, dass ich eigentlich mal grad gar nichts kann. Stefan ist Rechtsausleger, genau wie  meine Gegnerin. So konnte ich mich schon mal darauf einstellen. Stefan stellte mich hin, wie er es gerade wollte und im Prinzip war ich nur am Laufen und egal wohin, ich wurde immer getroffen und ich hatte das Gefühl, dass er sich dabei noch nicht einmal anstrengen musste. Zwischendrin erklärte er mir, wie er das machte und liess mich ein bisschen ausprobieren, bevor er den Spiess wieder umdrehte. Auch wenn es sehr frustrierend sein kann, macht das Boxen mit Stefan einfach nur Spass und ich kann jedes mal sehr viel mitnehmen. Nach dem Tag war ich dann trotzdem erstmal fertig mit der Welt. Ich fühlte mich wie durch einen Fleischwolf gedreht. Im Anschluss fragte Peter dann in die Runde, was gut war. Da war bei mir erstmal nur Leere im Kopf. Ich hatte den Tag überlebt, das war es dann auch schon. Letztendlich sagten mir dann Stefan und Peter beide, dass es mit meinem Boxen nicht ganz so schlimm steht, wie ich das in dem Moment empfunden habe und dass Stefan das mit jedem anderen genauso macht, weil er das einfach kann. Weiss ich ja im Prinzip, aber man fühlt sich dann in dem Augenblick auch nicht besser.

Am nächsten Tag ging es genauso weiter wie bisher. BJJ am morgen mit neuem Braungurt. Aufgabe war Guardpass oder Sweepen und Submitten. Trainingspartner: Selvin Ramcilovic. Es ging einfach nur weiter mit vernichtet werden. Guardpass? Sweep? Submision? Ich? Schön wärs gewesen. Aber ich bin ja da zum Lernen und nicht schon zum alles können.

Am Abend war dann die Aufgabe in der ersten Stunde die Open Guard passieren und für den anderen den Partner in die Guard zu bringen oder zu sweepen. Jedes Aufstehen wurde mittlerweile schwieriger, die Beine waren schwer, der Rücken tat weh und ich fühlte mich einfach komplett zerlegt, aber aufhören gilt nicht. Also Zähne zusammenbeissen und weitermachen. Im Kickboxen gab es zum Warm Up ein bisschen vorgegebenes Sparring. Danach wurde die gleiche Kombination wie vom Montag geübt und am Ende gab es noch Planks und Pushups.

Im BJJ war bei mir dann so ziemlich die Luft raus. Thema war Druck mit der Hüfte aus der Mount, wenn jemand komplett dicht macht zur Verteidigung. Da gingen mir wieder ein paar Lichter auf und dabei ist das nicht mal kompliziert.

Beim Sparring danach war es bei mir dann vorbei. Sobald ich auf dem Rücken lag, fühlte ich mich wie ein Maikäfer, da mir der Rücken bei jeder Bewegung weh tat und sobald jemand Druck machte, konnte ich mich nicht mehr bewegen und es macht da halt jeder Druck, sobald er auf einem drauf liegt. Es tat einfach alles weh. Am Ende der Stunde mobilisierte Peter mir dann noch etwas den Rücken und ich rollte dann später noch etwas auf dem Doppelball von der Blackroll. Ich fühlte mich wie vom Zug überrollt!

Am Donnerstag gab es morgens noch einmal den Hüftdruck aus der Mount und Sidechoke. Das war eine lockere Einheit. Und ich fühlte mich danach wieder fitter und etwas ausgeruhter. Vielleicht hatte ich mich auch langsam an das Pensum gewöhnt. Am Abend stand dann Ringen mit Valentin Stephan auf dem Programm. Es ging um die Verbesserung der Position im Clinch, die Hand am Nacken ausschalten, mit anschliessendem Takedown. War eine sehr interessante Einheit. Danach durfte ich mich dann eine Stunde lang unter Peters Anweisung dehnen. Etwas was ich gern vernachlässige, auch wenn mir irgendwie gerade jeder sagt wie wichtig das ist. Ich merkte nach der Stunde dann sofort, dass ich wesentlich lockerer bin und ich muss mir da jetzt selber mal in den Hintern treten, dass ich das regelmässig mache.

Zum Abschluss durfte ich noch einmal mit Stefan Boxsparring machen und siehe da, es fühlte sich schon besser an. Die Tipps von Stefan haben viel geholfen und ich hatte wieder das Gefühl, dass es doch nicht ganz so schlecht war. Ausserdem waren die Schmerzen schon wesentlich angenehmer und ich ein bisschen fitter.

Am Freitag war mein letzter Tag und der sollte noch einmal richtig reinhauen, im wahrsten Sinne des Wortes 🙂 Es war wieder Sparring angesagt. 12 Runden Stand Up Sparring, danach ein WOD und dann noch ein paar Runden am Boden aus der Backmount. Gab natürlich wieder viele Dinge, die besser hätten laufen können, aber auch ein paar Sachen, die ganz gut funktioniert haben.

FAZIT der Woche: Es gibt weiterhin viel zu arbeiten und zu verbessern. Das ist immer das schöne an solchen harten Einheiten, dass man immer soviel findet, woran man arbeiten muss. Schöner ist natürlich, wenn alles klappt, aber dann müsste man ja auch nicht mehr trainieren, wenn man sowieso schon alles kann. Und das, was nicht passt, wird einem auch dort unbeschönigt so gesagt, ob einem das jetzt gefällt oder nicht. Danach kann man jammern oder sich eben den Hintern aufreissen und an den Sachen arbeiten, die nicht passen.

Für mich war es eine super harte und super lehrreiche Woche, in der ich manchmal ganz schön frustriert war, aber die mich auf jeden Fall weitergebracht hat und die sehr wichtig für meine Vorbereitung war.

Zum Schluss möchte mich noch bei Peter Angerer bedanken für die vielen Einheiten, die ich machen konnte und für die permanente Unterstützung. Und natürlich allen Jungs und Mädels vom GTT, die mir in der Woche quasi den Hintern aufgerissen haben. Ihr seid echt der Hammer. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt und mich so unterstützt. Ohne so eine Unterstützung geht einfach mal gar nichts.“

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