Die Hell Week aus der Sicht einer Europameisterin

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Bei der kürzlich veranstalteten „Hell Week“ von Shooto Germany in der German Top Team Akademie in Reutlingen gaben sich unter anderem auch ein paar sehr erfolgreiche Wettkämpfer die Klinke in die Hand. Eine davon war die frisch gebackene Shooto Europameisterin Kristin „Hanya“ Handel, die mit der Hell Week ihre Vorbereitung zu den diesjährigen All Japan Shidokan Open startete. Exklusiv für unsere Leser lässt die 25jährige Athletin sich in die Karten schauen und beschreibt, wie sie diese intensive Trainingswoche wahrgenommen hat.

Von Kristin Handel

Meine Vorfreude auf dieses einmalige Erlebnis war schon seit Wochen riesengroß. Sieben Tage mit Topleuten 6 Stunden täglich zu trainieren war mein diesjähriger Urlaubsplan. Nix mit Sonne, Strand und Seele baumeln lassen. Schön schwitzen, verpackt werden und vor allem viel lernen. Und genau so starteten wir auch schon in diese höllisch gute Woche.

Drills und Techniken fürs Ground&Pound mit Peter Angerer standen am Montag auf dem Stundenplan; „Erholung“ gab es beim allmittäglichen Kraft- und Konditionstraining bis dann abends 18 Runden lang beim Rollen die Fäuste flogen. Für mich eine ganz neue Erfahrung – mit bleibendem Eindruck.

Am Dienstag weihte uns Stefan Hoss in die Geheimnisse seines Lieblingschokes, der Guillotine – vorzugsweise einhändig – ein, bevor es mit Spartakiade und weiteren 2 Stunden Rollen weiterging.

Mittwoch, mein persönlicher Lichtblick der Woche. Denn dies war der einzige Tag an dem wir an unserem Stand-Up unter Thorsten Kronz arbeiteten und ich weg vom Boden konnte auf dem ich mich noch nicht so recht wohl fühle. 2 Stunden schweißtreibende Kreuz- und Paßgangarbeit, gefolgt von explosivem Pratzentraining waren also ganz nach meinem Geschmack. Mittags gab es die gewohnte Portion Konditionstraining von Peter und abends nochmal 2 Stunden Sparring.

Am Donnerstag war nun wieder Peter als Referent an der Reihe und wer ihn kennt, weiß, dass ein ein Faible für Fußhebel hat, daher war auch klar, dass er uns einige seiner Tricks vermachen wird. Peters Leitspruch „Bein geht immer“ wurde für unterschiedliche Situationen umsetzbar gemacht und der ein oder andere hat nun gegebenenfalls ansatzweise den Hauch einer Ahnung wie das Ganze nun eventuell funktionieren könnte. Am Abend wurde, wie mittlerweile üblich, 2 Stunden gerollt und ich bekam auch die erwartete weibliche Verstärkung in der Männerhorde.

Von Natur aus bin ich zwar ohnehin eher der Typ „Elefant im Porzellanladen“, aber wie schlimm es wirklich um mich und die anderen Teilnehmer (wenigstens ein kleiner persönlicher Trost) steht, machte uns Franco de Leonardis am Freitag direkt zur Begrüßung klar. Franco bewegt sich als gäbe es keine Schwerkraft und als hätte er keine Knochen in seinem Körper; wirklich faszinierend und wohl eher reptilisch als menschlich. Nachdem wir also warm und schwer gefrustet über die eigene Bewegungsunfähigkeit waren, zeigte uns Franco im Akkord Escapes aus Sidemount und Mount. Später ging er noch auf sein Kopfklammergame ein und am Abend heizte uns Peter mit 13 Runden Speedgrappling und lustigen Reiterspielchen ordentlich ein.

Am Samstag füllte sich die Akademie mehr und mehr mit neuen, frischen Leuten, die wohl alle unbedingt in den Genuß des lockeren Warm-Ups des Herrn Stäblein kommen wollten. 4 Durchgänge von 5 kinderleichten Übungen á 20 Wiederholungen standen uns bevor. Frank turnte uns mit einem Grinsen im Gesicht den Ablauf vor; in unter 19 Minuten hatte er selbst dieses Workout gepackt…von uns waren nach über 40 Minuten auch alle fix und fertig. Aber eben nicht mit den Übungen. Da hat uns der junge Herr mal schön nass gemacht. Respekt, Frank! Durch das leckere japanische Essen wieder zu Kräften gelangt, ging es mit Franks Steckenpferd, der Arbeit aus dem Stand und natürlich den Takedowns weiter.

Den krönenden Abschluss machte am Sonntag Matthias „der Chef“ Werner. Ich habe ja schon viele Geschichten über Matthias und sein Training gehört, doch selbst mit ihm auf der Matte stand ich an diesem Tag zum ersten Mal. Es ist schwer Worte zu finden, um zu beschreiben, was das für ein Erlebnis ist. Dieser Mann ist wahnsinnig detailverliebt und legt dabei eine Rhetorik und Didaktik an den Tag, dass man aus dem Staunen gefolgt von Aha-Effekten gar nicht rauskommt. Matthias zeigte uns wie man einen Arm festhält; und obwohl das Ganze sowieso nicht funktioniert, wie er immer zu sagen pflegt, versuchten wir uns den gesamten Tag darin. Und nein, das wurde ganz und gar nicht langweilig. Wie schon erwähnt, es fällt schwer das Training mit Matthias zu beschreiben, das sollte einfach jeder erlebt haben der wirklich etwas lernen will und dabei auch noch jede Menge Spaß haben möchte. Dumm, wer eine solche Chance nicht nutzt.

Das waren sie also, die sieben trainingsintensivsten Tage meines bisherigen Lebens. Um viele Erfahrungen reicher und voller Tatendrang blicje ich nun meiner noch 9-wöchigen Vorbereitung für die All Japan Shidokan Open in Tokio entgegen und bedanke mich bei allen Referenten und vor allem Peter Angerer, die für so wenig Geld so lehrreiches und geniales Training mit Rundumservice ermöglicht haben.